Wer jahrelang bei einem großen Arbeitgeber in Frankfurt gearbeitet hat und sich dann bei einem Betrieb in Kronberg oder Idstein bewirbt, schickt meist eine sehr gute Bewerbung – und bekommt eine Absage, die er nicht versteht. Die Unterlagen waren nicht schlecht. Sie waren für den falschen Leser geschrieben.
Wer dort liest
Im Konzern liest zuerst ein Verfahren: ein System, das Kriterien abgleicht, dann eine Personalreferentin, die viele Verfahren gleichzeitig betreut, dann irgendwann die Fachabteilung. Jede Station filtert, und jede filtert nach anderen Merkmalen.
Im mittelständischen Betrieb liest eine Person, und diese Person wird mit Ihnen arbeiten. Der Geschäftsführer, die Pflegedienstleitung, der Küchenchef, der Inhaber. Sie liest nicht, um auszusortieren, sondern um sich ein Bild zu machen – und sie hat dabei genau eine Frage im Kopf: Passt der oder die zu uns?
Das verschiebt alles. Formale Vollständigkeit wird weniger wichtig, Verständlichkeit wichtiger. Die Fachlichkeit bleibt Voraussetzung, aber sie entscheidet nicht mehr allein.
Vier Signale, die hier stärker wiegen
Das erste ist Bleibewahrscheinlichkeit. Ein kleiner Arbeitgeber, der einstellt, investiert Monate in die Einarbeitung, ohne eine Vertretung zu haben, die währenddessen die Arbeit macht. Jemand, der nach einem Jahr wieder geht, kostet ihn mehr als einen Konzern eine ganze Abteilung. Alles, was für Dauerhaftigkeit spricht, ist deshalb ein Argument: der Wohnort in der Nähe, die Familie am Ort, ein Lebenslauf ohne jährlichen Wechsel. Schreiben Sie es hin, statt es hoffnungsvoll vorauszusetzen.
Das zweite ist Breite. Wo es keine Spezialisten für alles gibt, ist jemand wertvoll, der mehrere Dinge kann. Im Konzernlebenslauf wird Breite oft verschwiegen, weil sie dort nach Unentschlossenheit aussieht. Hier ist sie ein Verkaufsargument. Nennen Sie, was Sie nebenbei gemacht haben – die Vertretung, das Projekt, die Zusatzaufgabe.
Das dritte ist Selbständigkeit. Es gibt keine Stabsstelle, die Ihnen das Verfahren erklärt. Erzählen Sie deshalb nicht, in welchen Prozessen Sie mitgewirkt haben, sondern was Sie allein zu Ende gebracht haben.
Das vierte ist Ortskenntnis, und sie wird am häufigsten unterschätzt. Wer in einer Gegend arbeitet, deren Kunden, Patienten oder Gäste aus derselben Gegend kommen, bringt mit dem Wissen um die Gegend etwas Fachliches mit. Das gilt für die Bank ebenso wie für den Pflegedienst und für das Hotel. Wie sich das bei Regionalinstituten auswirkt, zeigt der Beitrag zum Arbeiten bei Sparkasse und Volksbank.
Was gegen Sie arbeitet
Konzernvokabular. Begriffe, Kürzel und Rollenbezeichnungen, die außerhalb eines bestimmten Hauses niemand kennt, wirken nicht souverän, sondern abweisend. Übersetzen Sie jeden Satz in eine Sprache, die ein fachkundiger Mensch ohne Ihr Organigramm versteht.
Zweitens: die Überqualifikation, die nicht erklärt wird. Wenn Ihr Lebenslauf größer ist als die Stelle, denkt der Leser nicht „was für ein Glücksfall", sondern „der ist in einem Jahr weg" oder „der will meinen Posten". Nehmen Sie diesen Gedanken vorweg und beantworten Sie ihn ehrlich. Der häufigste ehrliche Grund in dieser Gegend ist der Arbeitsweg – und das ist ein Grund, den hier jeder versteht. Der Beitrag über den Wechsel zurück in den Taunus beschreibt, wie man ihn sauber formuliert.
Drittens: Forderungen an der falschen Stelle. Eine Liste von Erwartungen im Anschreiben – Firmenwagen, mobiles Arbeiten, Weiterbildungsbudget – liest sich bei einem kleinen Arbeitgeber nicht als Selbstbewusstsein, sondern als Anspruchshaltung. Solche Punkte gehören ins Gespräch, und dort dann auch tatsächlich.
Viertens: Perfektion ohne Person. Eine makellose, austauschbare Bewerbung ist in einem Verfahren mit hundert Zuschriften der sichere Weg ins Mittelfeld – und bei einem Leser, der Menschen sucht, der sichere Weg auf den Stapel darunter.
Was das für die Vorbereitung heißt
Sehen Sie sich den Betrieb an, bevor Sie schreiben. Bei einem lokalen Arbeitgeber ist das möglich: Die Internetseite ist übersichtlich, die handelnden Personen stehen mit Namen darauf, und oft finden Sie in der örtlichen Berichterstattung, woran gerade gearbeitet wird. Zwei konkrete Sätze darüber machen aus einer Bewerbung eine an dieses Haus gerichtete Bewerbung.
Rechnen Sie außerdem damit, dass man Sie kennt oder jemanden kennt, der Sie kennt. In einem überschaubaren Kreis ist die Rückfrage beim ehemaligen Kollegen kein Ausnahmefall, sondern Routine – auch ohne Ihr Zutun. Das spricht dafür, in der Bewerbung nichts zu behaupten, was einer beiläufigen Nachfrage nicht standhält.
Und wenn Sie den Betrieb noch gar nicht kennen: Der Weg über Menschen ist hier kürzer als der über Portale. Wie man ihn geht, ohne aufdringlich zu wirken, steht im Beitrag zu Netzwerk und Vereinsleben.
Und was ist gerade in Ihrer Nähe offen?
Im Stellenmarkt stehen die offenen Stellen nach Ort geordnet – von Bad Homburg und Oberursel bis Idstein und Bad Schwalbach – und dahinter die Häuser, die sie ausschreiben.